Kellersanierung gestern und heute
Noch vor wenigen Jahren hatte der Keller einen anderen Stellenwert als heute. Entscheidend war damals die Funktionalität als Vorratslager für die Früchte des Herbstes, Gemüse, Kartoffeln und auch Brennstoffe. Wie der Keller aussah, ob die Wände verputzt waren, schief oder gerade, das hat nun wirklich nur wenige interessiert. Für die Vorratshaltung waren kühle Temperaturen und eine optimale Luftfeuchtigkeit besonders wichtig. Eine gewisse Feuchtigkeit war also Voraussetzung. Außer der Kälte, die durch den Verdunstungsprozess von Wasser entsteht, gab es kaum Möglichkeiten rationell und effektiv zu kühlen. Natürliche, mineralische Baustoffe hielten diesen Bedingungen auch stand. Kellersanierung war nahezu ein Fremdwort und beschränkte sich auf die Behebung echter Schäden. Auf Grund der über Jahrhunderte erprobten Bauweise traten diese aber nur sehr selten auf.Natursteinkeller, Ziegelkeller und im letzten Jahrhundert kamen dann Kalksandstein, Betonstein, Beton und viele andere Baustoffe für den Kellerbau hinzu. Auf den Gedanken im Keller auch Wohnraum zu schaffen, kam man eigentlich vergleichsweise spät. Erst als Elektrizität in fast beliebiger Menge zur Verfügung stand und an jeden Ort transportiert werden konnte, ließ sich das Beleuchtungsproblem komfortabel lösen. Die rasante Aufbautätigkeit nach dem Krieg verlangte eine neue Generation von Baustoffen. Auf Grund des hohen Bedarfs mussten sie in erster Linie leicht und schnell zu verarbeiten sein und überall in fast jeder beliebigen Menge preiswert zur Verfügung stehen. Daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert. Die Ära der Naturbaustoffe, der Luftkalkmörtel und Luftkalkputz ging zu Ende; damit aber auch das Wissen von Generationen großartiger Baumeister.
Es begann die Ära der industriell gefertigten Baustoffe, der Forschung und Entwicklung aber auch die Ära der mangelhaften Praxiserfahrungen. Es war keine Zeit mehr, jahrzehntelange Praxistests wurden durch Berechnungen ersetzt. Alles musste immer schneller gehen. Nach und nach stellte sich heraus, dass viele der modernen Baustoffe mit den natürlichen Bedingungen nicht zurecht kamen. Hydraulische Bindemittel wie Zement und bestimmte Kalke bildeten bei Kontakt mit Erdfeuchte hygroskopische Salze, den Mauersalpeter, auch einfach nur Salpeter genannt. Farben mit modernen Bindemitteln, die Kunstharzfarben, blätterten ab und auf ihnen bildete sich Schimmel. Schimmelpilz, in der Natur für uns Menschen vergleichsweise sehr harmlos, sorgt aber, wenn er im Haus wächst, für Allergien, Vergiftungen und schlimmeres. Dispersionsfarben konnte jedermann selbst streichen, eine Wand verputzen mit ein klein wenig Übung auch und deswegen galten die alten Naturbaustoffe mittlerweile als unmodern und viel zu teuer. Trotz aller Nachteile der neuen Materialien, schon allein auf Grund der Verfügbarkeit, der billigen Preise und der leichten, preiswerten Verarbeitung war eine Umkehr nicht mehr möglich. So wurde einfach versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen und die Feuchtigkeit kurzerhand zum Feind aller Baustoffe erklärt. Das neue Schlagwort hieß Kellerfeuchte. Die technischen Regeln zur Abdichtung gegen Erdfeuchte wurden verfeinert, die Kellerabdichtung wurde zu einem Teil des Dachdeckerhandwerks. Im Rahmen der Abdichtung von Ingenieurbauten durften sich aber auch die Bautenschützer versuchen. Fast nebenbei entstand dabei eine ganz neue Branche, die Sanierer.
Ein zurück gab es eigentlich nicht. Da aber immer irgendwer die Schuld haben muss, wenn etwas nicht funktioniert, wurde kurzerhand die Feuchtigkeit zum Schuldigen erklärt. Was für den Neubau unter den beschriebenen Bedingungen sicher durchaus zutreffend war, wurde aber auch kritiklos für den Altbaubereich übernommen. Anstatt gerade bei der Altbausanierung auf verträgliche Baustoffe zu setzen, begann ein gnadenloser Kampf gegen die Kellerfeuchte. Der Ausgang, ist hinlänglich bekannt, Feuchtigkeit gewinnt immer. Mittlerweile nistet der Schimmelpilz in fast jedem zweiten Gebäude, Schimmelallergie wurde zu einem Schlagwort des beginnenden Jahrtausends. Der Schimmel hat sich mit nachgewiesenen über 250 Arten in unserer Bausubstanz festgesetzt. Anstatt die Baustoffunverträglichkeit beim Namen zu nennen, wurde schon zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts das Märchen von der aufsteigenden Feuchte geboren. Aufsteigende Feuchtigkeit soll also die Wurzel allen Übels sein und sie wird bekämpft wo immer es geht. Horizontalsperre und Vertikalsperre, Sanierputz und Entfeuchtungsputz, Sperrputz und Elektroosmose, Injektionsverfahren, Mauerwerkstrocknung, Antischimmelfarbe, Innenabdichtung und Außenabdichtung. Diese Liste könnte fast beliebig fortgeführt werden. So sieht der moderne Krieg gegen die Feuchtigkeit im Keller aus. Kellersanierung verkehrt, aber das macht nichts, es entspricht wenigstens der gängigen Lehrmeinung und damit auch den technischen Regeln. Die Branche lebt sehr gut davon, kann sie doch jeden Keller gleich mehrmals sanieren. Derweil wird im Altbaukeller fröhlich weiter gestrichen, verputzt tapeziert und verkleidet. Nach kurzer Zeit bildet sich wieder Schimmel, der neue Putz versalzt wieder und der Kreislauf aus Schimmelsanierung, Kellersanierung, Schimmelbeseitigung, Mauertrocknung geht weiter.
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Der Artikel Kellersanierung gestern und heute in der Kategorie Immobilien, wurde am 11.12.2007 um 14:30 Uhr geschrieben und vom Autor Andreas Borg mtk
emion.de verfasst.
