In Europa galt die Homosexualität lange als Dekadenzerscheinung
Schwule und Lesben gehören inzwischen zum Stadtbild der meisten westeuropäischen Großstädte. Bis dahin war es ein weiter Weg. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts existierte im christlichen Abendland keine gesellschaftlich anerkannte Ausdrucksmöglichkeit für Homosexualität. War das antike Griechenland für homoerotische Beziehungen sehr offen, begann ab der Spätantike die Diffamierung der Homosexualität. Die Kirche des europäischen Mittelalters schließlich verschärfte die Diskriminierung Homosexueller und belegte deren "sodomitische" Taten mit schwersten Bußen. In vielen Ländern sah die mittelalterliche und neuzeitliche Gerichtsbarkeit für homosexuelle "Umtriebe" die Todesstrafe vor.
Doch auch wenn die offizielle Geschichtsschreibung nicht darüber berichtet, so gab es zu jeder Zeit gleichgeschlechtliche Subkulturen, wie archäologische Funde zeigen. Diese Subkulturen sind eine europäische Spezialität, denn in fast allen anderen Ländern gab es zu den meisten Zeiten zumindest geduldete Nischen, in denen Schwule und Lesben ihre Sexualität ausleben durften. Die Liebe war nicht an Geschlechter gebunden.
Und noch in der Gegenwart beobachtet man Bemerkenswertes: Gerade bei stark patriarchalisch organisierten Naturvölkern wird Homosexualität toleriert, zuweilen sogar befördert. Die Dorfältesten westafrikanischer Naturvölker berichteten Ethnologen, dass früher junge Mädchen des Dorfes sexuelle Kontakte zu viel älteren Frauen hatten, um von ihnen in die Liebe eingeführt zu werden. Und im südlichen Sudan lebt ein Volk, dessen Soldaten früher unverheiratete junge Männer waren, die mit Jünglingen zusammen lebten, bis sie genügend Geld für die Heirat einer Frau beisammen hatten.
Der westeuropäische Kulturkreis ist geprägt durch die feste Annahme der Zweigeschlechtlichkeit. Neben Mann und Frau ist kein Platz für Alternativen. Auf dem Gebiet des heutigen Kanadas lebten Indianerstämme, die ein Zwischengeschlecht kannten, das Ethnologen "Berdachen" nennen. Viele andere Völker durchbrechen die rigide europäische Geschlechtsdichotomie, so gibt es etwa die Xaniths im Oman und die Hijras in Indien.
Queer und Gender Studies haben sich ausgiebig mit derartigen Phänomenen beschäftigt und die westliche Kultur verwandelt. Der Christopher Street Day ist inzwischen in vielen europäischen Städten ein rauschendes Fest, markiert jedoch zugleich die Besonderheit der Schwulen und Lesben in der Gesellschaft. Insgeamt haben westliche Gesellschaften einen erstaunlich hohen Toleranzgrad gegenüber uns Schwulen erreicht. Ganz legal gibt es heute seriöse Online-Partnervermittlungen, in denen sich auch Schwule zum Kennenlernen treffen. So müssen wir Schwule uns inzwischen bei der Partnersuche nicht mehr verstecken.
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Der Artikel In Europa galt die Homosexualität lange als Dekadenzerscheinung in der Kategorie Freizeit / Hobby, wurde am 20.06.2008 um 16:49 Uhr geschrieben und vom Autor Lars Janowitz, Hamburg lars.janowitz
freenet.de verfasst.
